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Als die New York Times 2012 ihre Multimedia-Reportage Snow Fall veröffentlichte, erhielt sie nicht nur weltweit große Anerkennung, sie hatte damit auch einen neuen Standard fürs Geschichtenerzählen im Netz gesetzt. Das so genannte Scrollytelling – ein langer Text, gezielt und elegant angereichert mit audiovisuellem Material wie Bildern, animierten Grafiken, Videos und Tönen – weckte in vielen Redaktionen neue Experimentierfreude. „Es lohnt sich, großen Aufwand in einzelne Geschichten zu stecken, denn am Ende kommen Umsetzungen heraus, die von den Leserinnen und Lesern ganz anders goutiert werden als der normale Standard-Artikel“, sagt Fabian Mohr, Reporter Multimedia bei Zeit Online. „Für so etwas ist es wirklich wichtig, dass sich einzelne Redaktionen mal etwas trauen, und das ist zu dieser Zeit passiert.“

Drei Jahre später scheint das Format im Mainstream nicht nur angekommen zu sein, sondern kreativ weitergedacht zu werden. „Eigentlich kann es sich kein Qualitätsmedium leisten, da nicht zu mitzuspielen und am besten vorne mitzuspielen“, sagt Jennifer Wilton, die das Ressort „Titelthema“ bei Welt/Welt am Sonntag und N24 leitet und die Idee für ein interaktives Multimedia-Feature zum Thema Angst hatte. Dabei handelt es sich um ein Feature, das weitaus mehr ist als Scrollytelling. Ihr rund 20-köpfiges Team hat neben einer aufwändigen Videosimulation auch ein Glossar mit animierten Infografiken und einem eigenen Community-Bereich entwickelt. „Natürlich ist so etwas sehr aufwändig und kostspielig“, sagt Wilton. „Doch viele Dinge, die wir für das große Angst-Projekt neu programmiert haben, können wir auch für zukünftige Projekte verwenden.“

Als bei Zeit Online vor zwei Jahren ein etwa 15-köpfiges Team das erste hauseigene Scrollytelling zum hundertjährigen Jubiläum der Tour de France entwickelte, wurde jede Code-Zeile noch von Hand programmiert. „Das hat zwar dem Team großen Spaß gemacht, wäre für ein einzelnes Projekt aber überhaupt nicht nachhaltig gewesen“, sagt Fabian Mohr. Daher habe man bereits während der Entwicklung überlegt, welche Elemente sich automatisieren lassen und in das Redaktionssystem fließen können. Diese Arbeit hat sich gelohnt, denn einfachere Longform-Projekte lassen sich heute bei Zeit Online direkt innerhalb des Content Management Systems umsetzen.

Auch im Bereich der freien Software hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Christine Liebhardt, Multimedia-Redakteurin bei der Südwest Presse in Ulm, hat bei der Multimedia-Reportage Die Nacht der 100.000 Bomben auf das freie und sehr populäre Content Management System WordPress und das Plugin Aesop gesetzt. Doch auch wenn die Software kostenlos ist, bleibt die Entwicklung solcher Reportagen ein teures Unterfangen. Allein für die Produktion haben sie und ihr Kollege Rudi Kübler mehr als drei Wochen Zeit gebraucht – Recherchen, Kontaktaufnahmen zu Zeitzeugen und Wege ins Stadtarchiv noch nicht mitgerechnet. „So etwas können wir natürlich nur machen, solange wir Kollegen haben, die hinter uns stehen und sagen: Diese Produktionen sind für uns auch als Lokalredaktion wichtig“, sagt Liebhardt.

Und die Zukunft? Wird sich natürlich um Fragen drehen, die mit Aufwand und Ertrag zu tun haben. Nutzerzahlen beweisen: Multimedia-Reportagen müssen auch auf mobilen Endgeräten gut aussehen. „Wir werden mit Sicherheit in diesem Jahr die ersten Longform-Produktionen bei Zeit Online haben, auf die die meisten Nutzer über Smartphones zugreifen“, sagt Fabian Mohr und ergänzt: „Wenn wir in der Branche darüber diskutieren – oder auch streiten, wie sieht die perfekte multimediale Reportage aus? Dann ist die Antwort immer: Sie muss mobile gut aussehen.“

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Video-Credits: Musik: Simon Wilkinson. Redaktion: Beate Füth. Autor, Kamera & Schnitt: Roman Mischel. Dieses Video wurde unter Creative Commons Lizenz (BY-ND 4.0) veröffentlicht.

Bisher 2 Kommentare

  1. […] die 13. Folge der Serie ABZV Videoreporter haben mir Christine Liebhardt (Südwest Presse), Jennifer Wilton […]

  2. […] #13 – Über Scrollytelling und andere multimediale Darstellungsformen im Online-Journalismus  (ABZV) 23.4. Wolf Schneider Noch einmal davongekommen  (FR, Tagesspiegel) 23.4. Wie sich eine […]

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